Alben

SuperHeavy – SuperHeavy (2011)

Posted on 10. Oktober 2011 by Johannes Musial

SuperHeavy – SuperHeavy (2011)

Released September 2011

Ungewöhnlich, aber nicht ungewohnt | SuperHeavy

Obacht, hier kommen Songs für den rastlosen Musik-Jetsetter. SuperHeavy mischt Musik aus verschiedensten Ecken der Welt, aus indischer und jamaikanischer Musik, aus Rock und Soul. Das wirkt auf den ersten Blick sehr gewagt, getreu dem Motto: Wer die indische Flöte schwingt, muss den Spott fürchten. Doch das Projekt ist ungewöhnlich, aber nicht ungewohnt. So befremdlich das Experiment stellenweise auch wirkt, so poppig und leicht verdaulich ist es dennoch produziert.

Musik in eine neue Richtung stoßen SuperHeavy

Im SuperHeavy-Boot paddeln neben Jagger noch Eurythmics-Chef Dave Steward, Soul-Sängerin Joss Stone, Raggae-Star Damian Marley und der indische Komponist A. R. Rahman. Die fünf Erfolgsmusiker trafen sich Anfang 2009 ohne Plan und ohne Songideen im Studio in Los Angeles und schrieben allein in zehn Tagen 37 Stunden Musik. Kräftig geschüttelt und gerührt wurden daraus 16 Songs für die erste Platte SuperHeavy.

Erst im Mai dieses Jahres wurde das Projekt vorgestellt. Das Medienecho und die Vorfreude auf das Debüt-Album waren groß. Doch es war auch von Anfang an klar, dass die Musik von SuperHeavy die Kritikerwelt spalten würde. Auf der einen Seite Lob für das inspirierte Experiment, auf der anderen Spott für den halbherzigen Versuch sich den Button der Internationalität anzustecken. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. SuperHeavy ist kein bahnbrechendes Album, aber es ist ein beachtlicher Versuch Musik in eine neue Richtung zu stoßen.

Eine Sammlung von Puzzleteilen SuperHeavy

Wie man hört wurde während der Sessions der ein oder andere Joint angezündet. Und Dave Steward brauchte jeden Abend seinen sieben Uhr dreißig-Martini. Ob zum Mittag indisches Essen bestellt wurde oder Damian Marley gar versucht hat Mick Jagger Rastazöpfe zu flechten, ist nicht überliefert. Aber exotisch waren die Studiotage sicher. Die Atmosphäre und die experimentelle Aufbruchsstimmung zeigt sich auch in den Aufnahmen.

Doch nur selten kommt es auf dem Album zur Super-Fusion der verschiedenen Musikstile, wie beim Opener Superheavy oder bei Satyameva, bei dem die indische Musik in den Vordergrund rückt. Vielmehr stehen hier viele Songs mit eigenem Charakter nebeneinander. Daher wirkt das Album stellenweise wie eine Sammlung von Puzzleteilen, die partout nicht zusammenpassen wollen, egal wie oft man die Teile dreht und wendet.

Kein Grund ehrfürchtig auf die Knie zu fallen SuperHeavy

So gut gemeint der Weltmusik-Ansatz der fünf Musiker auch ist, versinkt er doch oft in einer uninnovativen Pop-Rock-Produktion erster Güte. Lückenfüller wie die Rock-Ballade Never Gonna Change sind überflüssig. Weitaus überzeugender sind die Reggae-Soul-Nummer Rock Me Gently oder die erste Single Miracle Worker. Das Album wirkt aber insgesamt noch wie eine Baustelle und Textzeilen wie „you’re a surgeon of love“, du bist ein Chirurg der Liebe, täuschen über diesen Eindruck auch nicht hinweg.

SuperHeavy ist kein Grund ehrfürchtig auf die Knie zu fallen. Es ist ein interessanter Versuch, doch man hätte mehr erwarten können. Der Einsatz der verschiedenen Musikstile wirkt plakativ. Man nehme ein Rock-Riff, etwas Reggae-Groove und Soul-Gesang, füge hier und da eine Prise indische Musik und Alternative hinzu, et voilà. Das mag alle befriedigen, für die international kaum über den Asia-Imbiss an der Ecke hinausgeht. Wir aber finden philosophisch: das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Ein All-Star-Team allein gewinnt keine Spiele. Auch nicht im Musikgeschäft.

Label: Universal

Tracklisting | SuperHeavy | SuperHeavy (2011):

1. SuperHeavy
2. Unbelievable
3. Miracle Worker
4. Energy
5. Satyameva Jayathe
6. One Day One Night
7. Never Gonna Change
8. Beautiful People
9. Rock Me Gently
10. I Can’t Take It No More
11. I Don’t Mind
12. World Keeps Turning

Bonus tracks:

13. Mihaya
14. Warring People
15. Common Ground
16. Hey Captain

SuperHeavy im Netz:

[Bildrechte bei Universal | mit freundlicher Genehmigung]

 

Red Hot Chili Peppers – I’m With You (2011)

Posted on 1. September 2011 by Johannes Musial

Red Hot Chili Peppers – I’m With You (2011)

Released August 2011

Auch hinter den Bergen bei den sieben Zwergen rumorte es schon: die Red Hot Chili Peppers haben ein neues Album gestrickt. Die Fans werfen die Hände in die Höh und rufen Hallelujah. Oder doch nicht? Wir gehen dem neuen Werk an die Wolle.

Die Red Hot Chili Peppers und der verlorene Gitarrist

Dunkle Wolken über Malibu. Es hängen schwere Zweifel in der Luft. Zweifel an der Zukunft der Band. Das betont vor allem Bassist Flea immer wieder in Interviews. Es ist Dezember 2009, als auch für die Fans aus Gerüchten bittere Wahrheit wird. John Frusciante, virtuoser Gitarrist und begabter Songwriter, verkündet, dass er die Red Hot Chili Peppers verlassen hat, um sich seiner Solo-Karriere zu widmen. So wie schon 17 Jahre zuvor. Damals sprang Dave Navarro für ihn ein. Das Album One Hot Minute fiel bei den Rezensenten aber erbarmungslos durch. Man holte Frusciante zurück in die Band und weg aus dem Drogensumpf, in dem er in der Zwischenzeit versunken war. Es ist gerade auch Frusciante, der hinter den Erfolgen der Red Hot Chili Peppers steckt. Californication, By The Way und Stadium Arcadium haben die Band durch die Decke des Musikuniversums und in den Pop-Rock-Mainstream katapultiert. Doch es war der Mainstream, der Frusciante zu schaffen machte. Zu groß und zu erfolgreich, das wollte er nie. Deshalb stieg er schon in den 90ern aus.

Neuer Gitarrist und neues Album I’m With You | Red Hot Chili Peppers

Nun würde also alles anders werden. Wieder einmal, das war klar. Als sich die Wolken in Malibu verzogen haben, steht fest: es geht weiter. Ersatz ist schnell gefunden. Josh Klinghoffer, ein guter Freund von Frusciante, war schon als Zweitgitarrist mit auf Tour und rückte nun in die erste Reihe auf. Schon bald lässt die Band verlauten, dass ein neues Album in Arbeit sei. Nach einigen Verzögerungen steht das mittlerweile zehnte Album der Red Hot Chili Peppers seit dem 26. August in den Läden. Und weil man ja älter und reifer wird, liefern die Kalifornier diesmal einen schönen, schwülstigen Titel frei Haus: I’m With You. Ich bin bei dir, eine wichtige Botschaft in Zeiten der Krise. Etwas, das sich die Band wohl auch von den Fans erhofft. Den Segen für die neue Zeit nach Frusciante. Denn die Fußstapfen der vergangenen Alben sind groß. Mit den 14 Songs des neuen Werks versucht die Alternative-Truppe sie zu füllen. Doch eins vorweggenommen: während die alten Schuhe noch Größe 48 hatten, sind die neuen lediglich eine 41.

Unausgereifte Ideen und kontrolliertes Geschrammel | Red Hot Chili Peppers

Auf den ersten Blick bleibt alles beim Alten. Ein grooviger Bass und ein knallendes Schlagzeug verursachen akutes Kopfnicken und Beinwippen. Und auch der Gesang von Anthony Kiedis kommt wie immer einfach, aber gewohnt eingängig daher. Auf der anderen Seite steht Klinghoffers Gitarrenspiel. Es erinnert hier und da an seinen Vorgänger und auch sein Gesang ist verblüffend ähnlich. Aber insgesamt ist der Neue experimenteller, füllt viele Parts durch kontrolliertes Geschrammel statt monumentale Soli und spielt noch ausgelassener mit Effekten. Höchstpersönlich schraubt er den Red Hot Chili Peppers auch die Glitzer-Kugel an. Viele von den neuen Stücken haben ein Discoflair, bei denen der Arm zuckt und Travolta-eske Tanzbewegungen vollführen möchte. Insgesamt aber strahlt die heißersehnte Scheibe aus dem kalifornischen Sonnenstaat weniger als erwartet. I’m With You wirkt psychedelischer und unaufgeräumter als die Vorgänger. Manchmal lässt einen das wilde Gitarrenspiel wieder an Mother’s Milk-Zeiten zurückdenken. Aber nicht nur der Gitarrist, sondern die ganze Band spielt im Schatten der Vergangenheit. Das Album hat weniger Hits als die Vorgänger. Viele Ideen wirken unausgereift, auf vielversprechende Strophen folgen lahme Refrains. Die Songs fließen eher dahin, als einen sofort vom Stuhl zu reißen. Wer nach I’m With You direkt zur Californication-Platte greift, lässt Letztere wohl eher im CD-Spieler.

Zu schön, um es einfach wegzuschmeißen | Red Hot Chili Peppers

Ein wahrer Fan sollte das Album aber so oder so hören. Perlen kann man nämlich trotzdem finden. Songs wie Ethiopia, Look Around oder Factory of Faith dürfen gerne in der Wiederholungs-Schlaufe laufen. So ist das neue Album wie ein Pullover, der nicht richtig passt, etwas kratzt, aber trotzdem zu schön ist, um ihn einfach wegzuschmeißen. Vielleicht muss man den Red Hot Chili Peppers einfach Zeit geben, sich in der neuen Konstellation zurechtzufinden. Vielleicht ist nach 28 Jahren aber auch einfach die Luft raus. Eins ist klar: sollte das nächste Werk ähnlich ausfallen, kann man die Band ohne wenn und aber in die Andenken-Kiste stecken.

Label: Warner

 

Tracklisting  | Red Hot Chili Peppers | I’m with You (2011):

1. Monarchy of Roses
2. Factory of Faith
3. Brendan’s Death Song
4. Ethiopia
5. Annie Wants a Baby
6. Look Around
7. The Adventures of Rain Dance Maggie
8. Did I Let You Know
9. Goodbye Hooray
10. Happiness Loves Company
11. Police Station
12. Even You Brutus?
13. Meet Me at the Corner
14. Dance, Dance, Dance

 

Discographie (Studioalben):

  • The Red Hot Chili Peppers (1984)
  • Freaky Styley (1985)
  • The Uplift Mofo Party Plan (1987)
  • Mother’s Milk (1989)
  • Blood Sugar Sex Magik (1991)
  • One Hot Minute (1995)
  • Californication (1999)
  • By the Way (2002)
  • Stadium Arcadium (2006)
  • I’m With You (2011)

 

Red Hot Chili Peppers im Netz:

[Bildrechte bei Deathwish, Inc. | mit freundlicher Genehmigung]

Oathbreaker | Mælstrøm (2011)

Posted on 1. August 2011 by snjezi

Oathbreaker | Mælstrøm (2011)

Released July 2011

Diese Band ist voller Besonderheiten: Nicht nur, dass eine Frau das Mikrofon einer metallischen Hardcoreband schwingt, es ist auch nicht weit verbreitet, dass eine belgische Band so viel Aufmerksamkeit von einer der großen amerikanischen Indielabels im Metalbereich bekommt. Nach der selbstbetitelten Veröffentlichung 2008 der EP beim britischen Label Thirty Days Of Night Records erscheint jetzt bei Deathwish, Inc. das Debütalbum Maelstroem.

Entstehung von Maelstroem

Aufgenommen wurde Maelstroem in Belgien von Michael Neyt (der u.a. mit der elektronischen Formation Underworld zusammenarbeitete) und Lander Cluysen. Abgemischt wurde es von Converge-Mitglied Kurt Ballou, der bereits für zahlreiche weitere Deathwish-Bands verantwortlich war. Wer es noch nicht wusste: Deathwish, Inc. wurde gegründet und gehört bis heute einem weiteren Converge-Mitglied, nämlich Jacob Brannon. Diese Voraussetzungen waren wohl auch der Anstoß, die neu gesignten Oathbreaker als Vorband für die einzige Promo-Show von Converge in Deutschland am 13.06.2011 in Köln aufspielen zu lassen. Gemastered wurde Maelstroem von keinem geringeren als Alan Douches, der u.a. bereits glanzvolle Arbeit bei den Veröffentlichungen von Converge und The Dillinger Escape Plan geleistet hatte. Alles in allem, stehen somit gestandene Größen des Metal-Genre Pate für dieses Debüt, was das Scheitern bei der unzähligen und treuen Schar der Fans bereits erwähnter Bands, fast unmöglich macht.

Die Brachialität des Weiblichen

Man würde es kaum erraten, wenn man es nicht wüsste oder wenn man nicht bereits ein Konzert von Oathbreaker besucht hätte: Der Wischmopp, der auf der Bühne hin und her wedelt und sich die Seele aus dem Leib brüllt ist tatsächlich weiblichen Geschlechts. Das ist insoweit erwähnenswert, da Frauen im Hardcore eher selten am Mikrofon zu treffen sind und wenn sie sich ab und zu ins Genre des Metal verirren, dann doch meist eher als zaghafter, elfenhafter Gegenpart zum brüllenden männlichen Organ. Bei Oathbreaker beweist Sängerin Caro, dass sie locker mit ihren Kollegen mithalten kann und schreit dem Zuhörer von der ersten Sekunde des Openers „Origin“ wie ein wildgewordenes Rumpelstilzchen ihren Unmut entgegen. Dass sie auch anders kann, zeigt sie uns im letzten Song, der wie das Album selbst, „Maelstrom“ heißt – plötzlich und vollkommen unerwartet werden wir in eine komplett andere Welt, einen Zauberwald entführt, in dem die Töne leiser  werden und die Stimme Caros sich elfenhaft verabschiedet.

Mitten in die Fresse rein

Was Oathbreaker musikalisch zu bieten haben ist eine energiegeladene Faust mitten in die Fresse rein. Es wird umher gewirbelt, gebrüllt, in die Gitarre gedroschen und der Bass gezupft, dass einem in der Mischung erst einmal schlecht wird vor Begeisterung. Um keinen Herzkasper zu bekommen, wissen Oathbreaker aber auch sehr gut, wie man das Tempo raus nimmt und etwas in die doomigere Richtung schwenkt, wie im Song „Sink into sin – II“. Das braucht man auch zwischendurch, um einfach mal etwas Luft zu schnappen und sein Genick vor lauter Bangen zu entspannen, denn lang ist die Verschnaufpause nicht.  Der bereits anschließende Song „Thoth“ zeigt dem Metalhead wieder gehörig, wo der Hammer hängt. Brachial, aggressiv und immer mit einer gewissen Düsterkeit kommen die Songs daher. Die Mischung aus schnellen Parts werden dabei gekonnt von Doom-Parts zersetzt ohne jemals die Harmonie des Ganzen zu verlieren. Dass man bei dem ganzen Album doch irgendwie nicht an Belgien, wo die Bande herkommt denkt, sondern eher an finnische Trolle denkt liegt wohl an der Paarung dieser Düsterkeit mit der kratzigen Hexenstimme von Caro.

Ein gelungener Einstand

Alles in allem ist Maelstrom (und nach all dem Nennen des Titels, ist es das erste Mal, dass ich dieses Wort fehlerfrei dahertippe!!) ein absolut gelungener Einstand und ein Debütalbum einer Band, von der wir in Zukunft sicher noch mehr hören werden. Sie wissen, Metalheads und Hardcorekids gleichermaßen zu begeistern und zu vereinen, was in der heutigen Separation der beiden Szenen nicht selbstverständlich und fast schon wieder Pionierarbeit ist. Für Fans von Bands wie The Hope Conspiracy, Cursed oder die Zieheltern Converge sind die Jungspunde von Oathbreaker wohl die nächste Generation im Bereich des metallischen Hardcore. Diese Tatsache ist wohl mit ein Grund, dass sie erst neulich zusammen mit den Veteranen des Genres der Neunziger Jahre auf der Bühne waren, nämlich Earth Crisis. Auf jeden Fall lohnt es sich, in dieses Album rein zu hören, um mal ordentlich die Gehirnzellen und das Haar durchzuschütteln. Viel Spaß dabei!

Label: Deathwish, Inc.

Tracklisting:

1. Origin
2. Heirophant
3. Fate Is Nigh
4. Sink Into Sin – I
5. Sink Into Sin – II
6. Thoth
7. Black Sun
8. Glimpse Of The Unseen
9. Maelstrom

Discographie:

  • 2011 – Mælstrøm (Album)
  • 2008 – Oathbreaker (EP)

Oathbreaker im Netz

[Bildrechte bei Deathwish, Inc. | mit freundlicher Genehmigung]

City And Colour – Little Hell (2011)

Posted on 4. Juli 2011 by snjezi

City And Colour – Little Hell (2011)

Released June 2011

Am 31. Mai 2011 streckte City And Colour mit der Single „Fragile Bird“ als Video die Fühler aus, um die Reaktionen schon mal vorzutasten. Strategisch war dieser Schachzug für den bis dato City And Colour Fan eigentlich schon der Warnschuss, dass dieses Album anders ist als seine Vorgänger. Irritiert und verunsichert war die Community, wie denn der Rest des Albums aussehen soll, wenn man plötzlich mit radiotauglicher Pophymne umworben wird, wo man doch eigentlich die One Man Show mit Gitarre erwartet. Dem entsprechend waren auch die ersten Reaktionen auf das Video: belanglos, erschrocken, ablehnend. Vorerst.

Ein Mann, eine Gitarre, eine unverkennbare Stimme

Die Zeiten, als Dallas Green allein mit seiner Gitarre in der Passionskirche in Berlin auftrat vor geschätzten 200 Menschen sind vorbei. Sometimes, damals eine Ansammlung von Songs, die teilweise schon in Teenagertagen geschrieben, und 2005 nach langem tüfteln veröffentlicht wurden, transportierten eine Fragilität, die interpretiert von Dallas Green unter die Haut gingen, weil sie so nackt waren: Ein Mann, eine Gitarre, eine unverkennbare Stimme. Eine Stimme, die geradezu geschaffen wurde für Melancholie und Zerbrechlichkeit.

Der Durchbruch mit Bring Me Your Love

Bereits mit seiner zweiten Veröffentlichung von Bring Me Your Love im Jahr 2008 wurde das Repertoire um mehrere Instrumente erweitert und es gab auch erste Konzerte in Europa. City And Colour gelang es damit, ein größeres Publikum zu generieren. In Kanada und den USA erlangte die Veröffentlichung einen Durchbruch, der sich auch in den Charts ablesen lässt: Platz 3 in den kanadischen, Platz 11 in den US Charts. Die Songs waren immer noch fragil, melancholisch, einfach und doch effektiv in dem Ziel, den Hörer tief innen zu berühren. Was ist also anders geworden bei Little Hell?

Entstehung von Little Hell

Das Vorgehen zur Aufnahme von Little Hell unterscheidet sich ursprünglich nicht von seinen Vorgängern: Die Aufnahmen wurden in den Cathrine North Studios in Hamilton, Ontario (CAN) gemacht, die eine umgebaute Kirche mit weitläufiger Architektur sind. Dafür verantwortlich war Alex Newport, der bereits mit Death Cab For Cutie oder auch At The Drive In gearbeitet hat. Danach ging es zum Mixen in das gleiche Studio, in dem das Vorgängeralbum Bring Me Your Love gemacht wurde, um einerseits die gleiche Atmosphäre zu übertragen, die Greens Freund Dan Achen damals so eindrucksvoll geschaffen hatte, andererseits um genau diesem die Ehre zu erweisen, nachdem er unerwartet Anfang 2010 verstarb.

Der Unterschied zu den Vorgängeralben

Fangen wir mit dem Wesentlichen an: All die bereits genannten Elemente der Vorgängeralben finden sich auch auf Little Hell wieder aber sie fordern deutlich mehr vom Zuhörer. Denn die Songs sind nicht mehr so einfach gestrickt, als das die akustischen Songs vom Ohr direkt ins Herz gehen. Sie erfordern eine tiefere Auseinandersetzung und ein genaueres Zuhören. Hört man nämlich auf Little Hell nicht genau hin, dann mag man Songs wie „Natural Disaster“ allzu gerne mit Sommer, Sonne, Unbekümmertheit und catchiger Radiotauglichkeit assoziieren. Oberflächlich betrachtet sind sicher einige Songs dabei, die wir auch im Radio hören werden, aber diese kleinen Höllen menschlicher Emotionen, durch die man gehen muss im Leben, um den kleinen Himmel wert zu schätzen, sind das eigentliche Thema von City And Colour. Die Fragen, die jemand beschäftigt, der hilflos mit dem psychischen Verfall eines eng stehenden Menschen umgehen muss, wie Green im Song „O’Sister“ verarbeitet, oder den Dämonen, die die Seele der Geliebten nachts plagen, während man neben ihr liegt, wie in „Fragile Bird“, findet man immer noch auf der thematischen Landkarte des Schmerzes und des Leides, die City And Colour auszeichnen. Der Umgang mit den Abgründen der Seele sind geblieben: Zwischenmenschliche Beziehungen, die in der Realität eher schwierig als in rosaroter Watte verpackt sind, und der therapeutische Umgang  mit der eigenen Hilflosigkeit in solchen Situationen, sind neben der weichen Stimme, Dallas Greens Markenzeichen geblieben.

Pop, Folk, Chöre und Herausforderungen

Im Song „Northern Wind“ werden die neuen Zuhörer von City And Colour eine Ahnung davon bekommen, wie Sometimes damals durchweg geklungen hat, nur der Rest der Songs ist eben anders: teilweise mehr an Popmusik angelehnt, teilweise mit mehr Folk Elementen und partiellen Chorgesängen im Hintergrund ist Little Hell eine Weiterentwicklung, die, angelehnt an das Leben selbst, unvermeidbar erscheint. Von einem Musiker, der seine Texte aus der Quelle seiner Lebenserfahrungen entnimmt, ist Stillstand und die Beharrlichkeit auf das immer Gleiche, ein Wunschdenken der Fans, die von ihm genau das erwarten, was sie ihm irgendwann vorwerfen würden: Das Fehlen von Authenzität. Daher sollten vor allem ältere Fans dieses Album nicht enttäuscht nach dem ersten Hören weglegen, weil sie nämlich dann erkennen werden, was die neuen Fans, in Anbetracht der bereits nach zwei Tagen ausverkauften Konzerte in Deutschland, offensichtlich bereits erkannt haben: „Little Hell“ ist eine weitere Perle eines begnadeten Musikers, der immer wieder von Neuem sich selbst und seine Fans herausfordert und bisher damit nicht gescheitert ist.

Wer sich übrigens das Album vor dem Kauf anhören möchte, für den haben City And Colour auf Youtube alle Songs zum Stream bereitgestellt.

Label: Cooking Vinyl

 

Tracklisting:

1. We Found Each Other in the Dark
2. Natural Disaster
3. The Grand Optimist
4. Little Hell
5. Fragile Bird
6. Northern Wind
7. O’Sister
8. Weightless
9. Sorrowing Man
10. Silver and Gold
11. Hope for Now

Discographie:

Alben:

  • 2011 – Little Hell
  • 2008 – Bring Me Your Love
  • 2005 – Sometimes

Liveaufnahmen:

  • 2011 – iTunes Live: SXSW (Live in Austin/Texas, US)
  • 2010 – Live at Orange Loung (EP)
  • 2010 – Live at the Verge

EPs:

  • 2005 – Missing
  • 2004 – The Death Of Me

 

Tourdaten:

Hier zu den Tourdaten.

[Bildrechte bei Cooking Vinyl (Indigo) | mit freundlicher Genehmigung]

Death Cab For Cutie – Codes And Keys (2011)

Posted on 30. Juni 2011 by snjezi

Death Cab For Cutie – Codes And Keys (2011)

Released May 2011

Das Quarttet Death Cab For Cutie um Sänger Ben Gibbard aus Bellingham, Washington (USA) gehört inzwischen zu den ganz Großen im Alternative / Indierock. Neben einer Bandgeschichte von inzwischen 13 Jahren und einer fast jährlichen Nominierung (bis auf 2008) bei den Grammy Awards in der Indierock/Alternative Kategorie, die als eine der höchsten internationalen Auszeichnungen der Musikbranche gelten, adäquat zu den Oscars in der Filmindustrie, können sie auch auf zahlreiche Album Veröffentlichungen referieren. Nach dreijähriger Schaffenspause kommt jetzt ihr siebtes Studioalbum Codes And Keys auf den Markt.

Viel wurde im Vorfeld darüber spekuliert, ob und wie Death Cab For Cutie es schaffen können, die Qualität und den Ideenreichtum der Vorgänger mit diesem Werk zu halten. Es lässt sich sagen, sie haben sich – mal wieder – selbst übertroffen.

Harmonien in Vollendung

Harmonische Klänge, Gitarren, Keybords, Piano, Streicher und Chöre im Hintergrund wie bei „Unobstructed Views“, schaffen sphärische Effekte. All dies, begleitet von der unverwechselbaren Stimme Ben Gibbards bildet ein Gewand, in dem sich der Hörer geborgen fühlen kann. Mit der Single „You Are A Tourist“ schickten sie Anfang April einen Vorboten des Albums, der nur eine Seite dieses Albums wiederspiegelt. Ein lebensbejahender Song, mit catchiger Melodie und Mitsingfaktor. Mit dem Song „Some Boys“, der wenige Wochen später als Stream im Internet kursierte, wurde eine Kurskorrektur dieses Eindrucks eingeleitet, denn im Gegensatz zur Singleauskopplung ist es ein eher typischer Death Cab Song, der die Selbstzweifel und Ängste verunsicherter, junger Männer thematisiert und leise Töne anschlägt.

Achterbahnfahrten im musikalischen Kosmos

Damit wurden die Pole dieses Albums vorgestellt, denn beim ersten Durchhören kann man sich nie sicher sein, wie denn der nächste Song komponiert ist. Eine Achterbahn zwischen tanzbar, melodisch-popig, sphärisch-melancholisch und nachdenklich stimmend, nimmt den Zuhörer an der Hand und entführt ihn, trotz aller Gegensätze, in einen harmonisch abgestimmten, emotionalen musikalischen Kosmos. Damit werden bisherige Fans, egal ob sie „Soul Meets Body“ und  „Crooked Teeth“ vom Album Plans; „Transatlanticism“ aus ebenso benanntem Album; “Meet Me On The Equinox” aus dem Film “The Twilight Saga – New Moon”; oder  „I Will Possess Your Heart” aus dem Vorgängeralbum Narrow Stairs liebten auf ihre Kosten kommen, und ihren persönlichen Lieblingssong aus diesem Album heraushören. Wer aber nach dem Quantum „Mehr“ gesucht hat, wird erstaunt sein über die Fähigkeiten und das Können dieser Musiker, die mit einer fast unverschämten Leichtigkeit Klangteppiche erschaffen, die man schon als Opern des Indierock bezeichnen möchte. Und all das, ohne auch nur einen Moment überladen und überproduziert zu klingen.

Eiltempo ohne Schnellschuss

Dieses Fingerspitzengefühl von Ben Gibbard und seiner Crew, den Zuhörer herauszufordern, sich auf neue Kompositionen einzulassen, die immer eine Stufe an Feinheit höher klettern, ohne ihn zu überfordern, beweist einmal mehr ihre überragende Rolle in der unübersichtlichen Vielzahl an Neuveröffentlichungen im Indierock Genre. Sieben Monate hat laut Plattenfirma der komplette Produktionsprozess in Anspruch genommen – verglichen zu seinem qualitativen Output, ein stürmisches Tempo -  und einige mögen sich darüber beklagen, dass Codes And Keys zu fröhlich geworden ist für ein Death Cab Album. Den ewigen Nörglern, die einerseits immer nach Veränderungen und Neuerungen von Bands schreien und andererseits sich beschweren, wenn genau diese nicht ihren eigenen Erwartungen entsprechen sei gesagt, sie mögen doch bitte selbst erst einmal die Kunst vollbringen, solche Harmonien, die nie langweilig werden, zu schaffen. Alle anderen, die den Mut und die Neugier haben, sich auf das, was man gemeinhin als ein schönes Werk nennt, einzulassen, werden mit Codes And Keys ein Album finden, das Geschichten über Beziehungen erzählt. Beziehungen  zu sich, anderen Menschen und Orten, mit der passenden Musik zum Film im eigenen Kopfkino. Und im Abspann dazu bleibt am Ende nur eins zu sagen – mit den Worten der Meister selbst: „Stay young, go dancing“.

Label: Atlantic Records

Tracklisting:

1. Home Is A Fire
2. Codes And Keys
3. Some Boys (nur mit Internet Explorer abspielbar)
4. Doors Unlocked And Open
5. You Are A Tourist
6. Unobstructed Views
7. Monday Morning

8. Portable Television
9. Underneath The Sycamore
10.St. Peter’s Cathedral
11.Stay Young, Go Dancing

 

Discographie

Alben:

  • 2011 – Codes And Keys
  • 2008 – Something About Airplanes (Deluxe Edition Reissue)
  • 2008 – Narrow Stairs
  • 2005 – Plans
  • 2003 – Transatlanticism
  • 2001 – The Photo Album
  • 2000 – We Have the Facts and We’re Voting Yes
  • 1998 – Something About Airplanes
  • 1997 – You Can Play These Songs with Chords

EPs:

  • 2009 – The Open Door
  • 2009 – Meet Me on the Equinox
  • 2005 – The John Byrd
  • 2004 – Studio X Sessions
  • 2002 – The Stability
  • 2000 – The Forbidden Love

Bandmitglieder:

Ben Gibbard: Gesang, Gitarre, Klavier
Chris Walla: Gitarre, Klavier
Nick Harmer: Bass
Jason McGerr: Drums

[Bildrechte bei Warner Music Germany | mit freundlicher Genehmigung]

 

Touché Amoré – Parting The Sea Between Brightness And Me (2011)

Posted on 30. Juni 2011 by snjezi

Touché Amoré – Parting The Sea Between Brightness And Me (2011)

Released June 2011

Touché Amoré sind fünf Jungs aus Los Angeles, Kalifornien, die mit ihrem zweiten Longplayer Parting The Sea Between Brightness And Me neuen Enthusiasmus in die Szene des melodischen Hardcore bringen. Ziemlich erstaunlich, wenn man sich etwas näher mit den Texten von Sänger Jeremy Bolm beschäftigt, der in dieses Album seine Selbstzweifel, seine Wut über die Welt und ihre Ungerechtigkeiten, eingearbeitet hat.
Für jeden Zuhörer, der der englischen Sprache mächtig ist, ist es unmöglich sich den Texten der Songs zu entziehen, die mit klaren Screamings Wort für Wort verständlich sind, und begleitet werden von harmonischen Melodien, einem wirklich hervorragenden Drumming, spielerischen Hooklines und teilweise eingesetztem Klavier, wie in dem Song „Condolences“. Touché Amoré bieten melodischen Hardcore, der eindeutig beeinflusst ist vom Emocore der 90er Jahre oder auch dem darauffolgenden sogenannten Post-Hardcore. Nicht zuletzt liegt das auch daran, dass man das erste Album To The Beat Of A Dead Horse (2009) auf dem Indie Label Collect Records von Geoff Rickly veröffentlicht hat, der zu den bekannteren Vertretern des Post-Hardcore Ende der 90er Jahre mit seiner Band Thursday gehört, und auch persönlich im Song „History Reshits Itself“ mitwirkte.

Emotionale Verwirrung garantiert

Parting The Sea Between Brightness And Me ist ein Album, das emotional verwirrt, weil es einerseits voller Wut und Erkenntnissen ist, andererseits voller Verzweiflung über diese Feststellungen und die eigene Ohnmacht ihnen gegenüber. Die einzelnen Songs wirken wie Gedichte, die mit aggressiver Musik untermalt sind, und bringen diejenigen zum Nachdenken, die sich tagtäglich fragen, warum die Menschheit trotz besseren Wissens nicht endlich die Konsequenzen zu menschenwürdigeren und gerechteren Strukturen findet, sondern sich permanent um sich selbst dreht, ohne nach vorne zu gehen. Und so wird bereits im ersten Song „Tilde“ des Albums klar formuliert, wo das Problem an sich liegt: „If actions speak louder than words I’m the most deafening noise you’ve heard. I‘ll be that ringing in your ears that will stick around for years.” Ein Versprechen, das Touché Amoré halten – nachdenken statt handeln. Dieses Album ist keine leichte Kost. Man kann es nicht nebenbei anhören und dann weg legen – es beschäftigt einen, noch lange, nachdem die Nadel am Ende der Scheibe angelangt ist. Dabei ist es nicht die Intention der Band, Parolen in die Welt zu schreien, oder Ratschläge für den Umgang mit den eigenen Problemen zu geben. Im Gegenteil: Touché Amoré sind tragische Gestalten – Antihelden, keine Vorbilder. Das wissen sie, und Vorbilder wollen sie auch nicht sein, denn all denen, die Rat bei ihnen suchen schreien sie im Song „Upper/Downer“ entgegen: To look up to me is to look down on everything“.

Ein permanentes Ringen mit sich und der Welt

Verzweiflung und Unsicherheit über die eigene Attitüde auch im Song „Pathfinder“ in dem die Feststellung gemacht wird: „I got lanes to explain the different ways I behave. A life that’s a detour to where I am not sure”. Diese Verzweiflung und Emotionalität sind so stark, dass man manchmal an Kurt Cobain denkt und sich bei der Erinnerung an dessen Abschied von dieser Welt doch Sorgen machen könnte, wohin diese Einstellung geführt hat. Aber auch darauf hat Sänger Jeremy Bolm eine Antwort parat, wenn er sich im letzten Song „Amends“ mit den Worten entschuldigend verabschiedet: „for what it‘s worth I‘m sorry and at the end I swear I‘m trying.“
Ein permanentes Ringen mit sich und der Welt, die ehrliche Reflektion von purem Leben eines nachdenklichen Menschen, begleitet von effektfreier, handwerklich guter und ehrlicher, harter Musik des Hardcoregenres – das ist es, wofür Touché Amoré stehen und womit sie den Nerv der Zeit treffen, in der die Idealisten den Realisten den Platz räumen. Auf jeden Fall ein mitreißendes Album, über das jeder selbst entscheiden sollte, welche Konsequenzen, nach einer intellektuellen Auseinandersetzung, er daraus ziehen sollte.

VÖ: 07.06.2011, Label: Deathwish, Inc.

Tracklisting:

01. Tilde (funktioniert nur mit Internet Explorer)

02. Pathfinder
03. The Great Repetition
04. Art Official
05. Uppers/Downers
06. Crutch
07. Method Act
08. Face Ghost
09. Sesame
10. Wants/Needs
11. Condolences
12. Home Away From Here
13. Amends

Discographie:

2011 – Parting The Sea Between Brightness And Me (Album)

2010 – Touché Amore / La Dispute (Split)

2010 – Touché Amoré / Make Do And Mend (Split)

2009 – …to the beat of a dead horse (Album)

2008 – Touché Amoré (EP)

Bandmitglieder:

Jeremy Bolm: Sänger
Clayton Stevens: Gitarre
Nick Steinhardt: Gitarre
Elliot Babin: Drums
Tyler Kirby: Bass

Offizielle Bandpage

Facebook

Twitter

Tourdaten

Auf Tour in Europa im Juli und August mit La Dispute und Death Is Not Glamerous.

[ Bildrechte bei Deathwish, Inc. | mit freundlicher Genehmigung]