Released August 2011

Auch hinter den Bergen bei den sieben Zwergen rumorte es schon: die Red Hot Chili Peppers haben ein neues Album gestrickt. Die Fans werfen die Hände in die Höh und rufen Hallelujah. Oder doch nicht? Wir gehen dem neuen Werk an die Wolle.

Die Red Hot Chili Peppers und der verlorene Gitarrist

Dunkle Wolken über Malibu. Es hängen schwere Zweifel in der Luft. Zweifel an der Zukunft der Band. Das betont vor allem Bassist Flea immer wieder in Interviews. Es ist Dezember 2009, als auch für die Fans aus Gerüchten bittere Wahrheit wird. John Frusciante, virtuoser Gitarrist und begabter Songwriter, verkündet, dass er die Red Hot Chili Peppers verlassen hat, um sich seiner Solo-Karriere zu widmen. So wie schon 17 Jahre zuvor. Damals sprang Dave Navarro für ihn ein. Das Album One Hot Minute fiel bei den Rezensenten aber erbarmungslos durch. Man holte Frusciante zurück in die Band und weg aus dem Drogensumpf, in dem er in der Zwischenzeit versunken war. Es ist gerade auch Frusciante, der hinter den Erfolgen der Red Hot Chili Peppers steckt. Californication, By The Way und Stadium Arcadium haben die Band durch die Decke des Musikuniversums und in den Pop-Rock-Mainstream katapultiert. Doch es war der Mainstream, der Frusciante zu schaffen machte. Zu groß und zu erfolgreich, das wollte er nie. Deshalb stieg er schon in den 90ern aus.

Neuer Gitarrist und neues Album I’m With You | Red Hot Chili Peppers

Nun würde also alles anders werden. Wieder einmal, das war klar. Als sich die Wolken in Malibu verzogen haben, steht fest: es geht weiter. Ersatz ist schnell gefunden. Josh Klinghoffer, ein guter Freund von Frusciante, war schon als Zweitgitarrist mit auf Tour und rückte nun in die erste Reihe auf. Schon bald lässt die Band verlauten, dass ein neues Album in Arbeit sei. Nach einigen Verzögerungen steht das mittlerweile zehnte Album der Red Hot Chili Peppers seit dem 26. August in den Läden. Und weil man ja älter und reifer wird, liefern die Kalifornier diesmal einen schönen, schwülstigen Titel frei Haus: I’m With You. Ich bin bei dir, eine wichtige Botschaft in Zeiten der Krise. Etwas, das sich die Band wohl auch von den Fans erhofft. Den Segen für die neue Zeit nach Frusciante. Denn die Fußstapfen der vergangenen Alben sind groß. Mit den 14 Songs des neuen Werks versucht die Alternative-Truppe sie zu füllen. Doch eins vorweggenommen: während die alten Schuhe noch Größe 48 hatten, sind die neuen lediglich eine 41.

Unausgereifte Ideen und kontrolliertes Geschrammel | Red Hot Chili Peppers

Auf den ersten Blick bleibt alles beim Alten. Ein grooviger Bass und ein knallendes Schlagzeug verursachen akutes Kopfnicken und Beinwippen. Und auch der Gesang von Anthony Kiedis kommt wie immer einfach, aber gewohnt eingängig daher. Auf der anderen Seite steht Klinghoffers Gitarrenspiel. Es erinnert hier und da an seinen Vorgänger und auch sein Gesang ist verblüffend ähnlich. Aber insgesamt ist der Neue experimenteller, füllt viele Parts durch kontrolliertes Geschrammel statt monumentale Soli und spielt noch ausgelassener mit Effekten. Höchstpersönlich schraubt er den Red Hot Chili Peppers auch die Glitzer-Kugel an. Viele von den neuen Stücken haben ein Discoflair, bei denen der Arm zuckt und Travolta-eske Tanzbewegungen vollführen möchte. Insgesamt aber strahlt die heißersehnte Scheibe aus dem kalifornischen Sonnenstaat weniger als erwartet. I’m With You wirkt psychedelischer und unaufgeräumter als die Vorgänger. Manchmal lässt einen das wilde Gitarrenspiel wieder an Mother’s Milk-Zeiten zurückdenken. Aber nicht nur der Gitarrist, sondern die ganze Band spielt im Schatten der Vergangenheit. Das Album hat weniger Hits als die Vorgänger. Viele Ideen wirken unausgereift, auf vielversprechende Strophen folgen lahme Refrains. Die Songs fließen eher dahin, als einen sofort vom Stuhl zu reißen. Wer nach I’m With You direkt zur Californication-Platte greift, lässt Letztere wohl eher im CD-Spieler.

Zu schön, um es einfach wegzuschmeißen | Red Hot Chili Peppers

Ein wahrer Fan sollte das Album aber so oder so hören. Perlen kann man nämlich trotzdem finden. Songs wie Ethiopia, Look Around oder Factory of Faith dürfen gerne in der Wiederholungs-Schlaufe laufen. So ist das neue Album wie ein Pullover, der nicht richtig passt, etwas kratzt, aber trotzdem zu schön ist, um ihn einfach wegzuschmeißen. Vielleicht muss man den Red Hot Chili Peppers einfach Zeit geben, sich in der neuen Konstellation zurechtzufinden. Vielleicht ist nach 28 Jahren aber auch einfach die Luft raus. Eins ist klar: sollte das nächste Werk ähnlich ausfallen, kann man die Band ohne wenn und aber in die Andenken-Kiste stecken.

Label: Warner

 

Tracklisting  | Red Hot Chili Peppers | I’m with You (2011):

1. Monarchy of Roses
2. Factory of Faith
3. Brendan’s Death Song
4. Ethiopia
5. Annie Wants a Baby
6. Look Around
7. The Adventures of Rain Dance Maggie
8. Did I Let You Know
9. Goodbye Hooray
10. Happiness Loves Company
11. Police Station
12. Even You Brutus?
13. Meet Me at the Corner
14. Dance, Dance, Dance

 

Discographie (Studioalben):

  • The Red Hot Chili Peppers (1984)
  • Freaky Styley (1985)
  • The Uplift Mofo Party Plan (1987)
  • Mother’s Milk (1989)
  • Blood Sugar Sex Magik (1991)
  • One Hot Minute (1995)
  • Californication (1999)
  • By the Way (2002)
  • Stadium Arcadium (2006)
  • I’m With You (2011)

 

Red Hot Chili Peppers im Netz:

[Bildrechte bei Deathwish, Inc. | mit freundlicher Genehmigung]