Released June 2011
Am 31. Mai 2011 streckte City And Colour mit der Single „Fragile Bird“ als Video die Fühler aus, um die Reaktionen schon mal vorzutasten. Strategisch war dieser Schachzug für den bis dato City And Colour Fan eigentlich schon der Warnschuss, dass dieses Album anders ist als seine Vorgänger. Irritiert und verunsichert war die Community, wie denn der Rest des Albums aussehen soll, wenn man plötzlich mit radiotauglicher Pophymne umworben wird, wo man doch eigentlich die One Man Show mit Gitarre erwartet. Dem entsprechend waren auch die ersten Reaktionen auf das Video: belanglos, erschrocken, ablehnend. Vorerst.
Ein Mann, eine Gitarre, eine unverkennbare Stimme
Die Zeiten, als Dallas Green allein mit seiner Gitarre in der Passionskirche in Berlin auftrat vor geschätzten 200 Menschen sind vorbei. Sometimes, damals eine Ansammlung von Songs, die teilweise schon in Teenagertagen geschrieben, und 2005 nach langem tüfteln veröffentlicht wurden, transportierten eine Fragilität, die interpretiert von Dallas Green unter die Haut gingen, weil sie so nackt waren: Ein Mann, eine Gitarre, eine unverkennbare Stimme. Eine Stimme, die geradezu geschaffen wurde für Melancholie und Zerbrechlichkeit.
Der Durchbruch mit Bring Me Your Love
Bereits mit seiner zweiten Veröffentlichung von Bring Me Your Love im Jahr 2008 wurde das Repertoire um mehrere Instrumente erweitert und es gab auch erste Konzerte in Europa. City And Colour gelang es damit, ein größeres Publikum zu generieren. In Kanada und den USA erlangte die Veröffentlichung einen Durchbruch, der sich auch in den Charts ablesen lässt: Platz 3 in den kanadischen, Platz 11 in den US Charts. Die Songs waren immer noch fragil, melancholisch, einfach und doch effektiv in dem Ziel, den Hörer tief innen zu berühren. Was ist also anders geworden bei Little Hell?
Entstehung von Little Hell
Das Vorgehen zur Aufnahme von Little Hell unterscheidet sich ursprünglich nicht von seinen Vorgängern: Die Aufnahmen wurden in den Cathrine North Studios in Hamilton, Ontario (CAN) gemacht, die eine umgebaute Kirche mit weitläufiger Architektur sind. Dafür verantwortlich war Alex Newport, der bereits mit Death Cab For Cutie oder auch At The Drive In gearbeitet hat. Danach ging es zum Mixen in das gleiche Studio, in dem das Vorgängeralbum Bring Me Your Love gemacht wurde, um einerseits die gleiche Atmosphäre zu übertragen, die Greens Freund Dan Achen damals so eindrucksvoll geschaffen hatte, andererseits um genau diesem die Ehre zu erweisen, nachdem er unerwartet Anfang 2010 verstarb.
Der Unterschied zu den Vorgängeralben
Fangen wir mit dem Wesentlichen an: All die bereits genannten Elemente der Vorgängeralben finden sich auch auf Little Hell wieder aber sie fordern deutlich mehr vom Zuhörer. Denn die Songs sind nicht mehr so einfach gestrickt, als das die akustischen Songs vom Ohr direkt ins Herz gehen. Sie erfordern eine tiefere Auseinandersetzung und ein genaueres Zuhören. Hört man nämlich auf Little Hell nicht genau hin, dann mag man Songs wie „Natural Disaster“ allzu gerne mit Sommer, Sonne, Unbekümmertheit und catchiger Radiotauglichkeit assoziieren. Oberflächlich betrachtet sind sicher einige Songs dabei, die wir auch im Radio hören werden, aber diese kleinen Höllen menschlicher Emotionen, durch die man gehen muss im Leben, um den kleinen Himmel wert zu schätzen, sind das eigentliche Thema von City And Colour. Die Fragen, die jemand beschäftigt, der hilflos mit dem psychischen Verfall eines eng stehenden Menschen umgehen muss, wie Green im Song „O’Sister“ verarbeitet, oder den Dämonen, die die Seele der Geliebten nachts plagen, während man neben ihr liegt, wie in „Fragile Bird“, findet man immer noch auf der thematischen Landkarte des Schmerzes und des Leides, die City And Colour auszeichnen. Der Umgang mit den Abgründen der Seele sind geblieben: Zwischenmenschliche Beziehungen, die in der Realität eher schwierig als in rosaroter Watte verpackt sind, und der therapeutische Umgang mit der eigenen Hilflosigkeit in solchen Situationen, sind neben der weichen Stimme, Dallas Greens Markenzeichen geblieben.
Pop, Folk, Chöre und Herausforderungen
Im Song „Northern Wind“ werden die neuen Zuhörer von City And Colour eine Ahnung davon bekommen, wie Sometimes damals durchweg geklungen hat, nur der Rest der Songs ist eben anders: teilweise mehr an Popmusik angelehnt, teilweise mit mehr Folk Elementen und partiellen Chorgesängen im Hintergrund ist Little Hell eine Weiterentwicklung, die, angelehnt an das Leben selbst, unvermeidbar erscheint. Von einem Musiker, der seine Texte aus der Quelle seiner Lebenserfahrungen entnimmt, ist Stillstand und die Beharrlichkeit auf das immer Gleiche, ein Wunschdenken der Fans, die von ihm genau das erwarten, was sie ihm irgendwann vorwerfen würden: Das Fehlen von Authenzität. Daher sollten vor allem ältere Fans dieses Album nicht enttäuscht nach dem ersten Hören weglegen, weil sie nämlich dann erkennen werden, was die neuen Fans, in Anbetracht der bereits nach zwei Tagen ausverkauften Konzerte in Deutschland, offensichtlich bereits erkannt haben: „Little Hell“ ist eine weitere Perle eines begnadeten Musikers, der immer wieder von Neuem sich selbst und seine Fans herausfordert und bisher damit nicht gescheitert ist.
Wer sich übrigens das Album vor dem Kauf anhören möchte, für den haben City And Colour auf Youtube alle Songs zum Stream bereitgestellt.
Label: Cooking Vinyl
Tracklisting:
1. We Found Each Other in the Dark
2. Natural Disaster
3. The Grand Optimist
4. Little Hell
5. Fragile Bird
6. Northern Wind
7. O’Sister
8. Weightless
9. Sorrowing Man
10. Silver and Gold
11. Hope for Now
Discographie:
Alben:
- 2011 – Little Hell
- 2008 – Bring Me Your Love
- 2005 – Sometimes
Liveaufnahmen:
- 2011 – iTunes Live: SXSW (Live in Austin/Texas, US)
- 2010 – Live at Orange Loung (EP)
- 2010 – Live at the Verge
EPs:
- 2005 – Missing
- 2004 – The Death Of Me
Tourdaten:
Hier zu den Tourdaten.
[Bildrechte bei Cooking Vinyl (Indigo) | mit freundlicher Genehmigung]